„S“PD – Kehrt marsch!

Wie glaubwürdig ist die SPD noch? Eine rein rhetorische Frage. Jahrzehnte praktischer Politik belegen, dass die Warnblinkanlage für die „Unterprivilegierten“ angeschaltet wird – um dann voll drüberzudröhnen.

Schon 1930 lies Tucholsky in der Satire In „Ein älterer, aber leicht besoffener Herr“ den Ich-Erzähler trinkend bei der SPD reinschauen. Das teilnehmende Personal hat sich gewandelt (siehe Ergänzungen in Klammern), die Umstände nicht. Warum noch jemand SPD wählt, weiß kaum noch einer. Aber der Apparat wird´s schon richten, da stören Grundsätze nur.

Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier (heute höherer Beamter)… da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita (heute abwesend)) wahn da: Fräser (heute Lehrer) un Maschinenschlosser (heute Sozialpädagoge) un denn ooch der alte Schweißer (heute Funktionär), der Rudi Breitscheid (heute z.B. der Klingbeil, Lars). Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan – er hat eine Rede jehalten.

Währenddem dass die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: »Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD –?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl!

»Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! –

Sieh mal«, sachte der, »ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn ‚n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein … und denn ahms is Fackelssuch … es is alles so scheen einjeschaukelt«, sacht er.

»Wat brauchst du Jrundsätze, wenn dun Apparat hast!« Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladeninhaber!“ (heute: von staatlicher Förderung abhängiger Leiter einer „zivilgesellschaftlichen“ Umweltschutzorganisation).

Heutzutage ist eine Revolution ja schon, wenn über einen Ausstieg aus der GroKo geredet wird. Aber: das war gestern während der mehrmonatigen Nabelschau der SPD-Granden. Dann haben die Mitglieder über die neuen Vorsitzenden abgestimmt – und schon wird in die Bremse getreten, dass die Felgen (die Reifen sind ja schon abgefahren) quietschen.

Saskia und Norbert – Walter tourten durch die Republik, gerierten sich als die „linke Alternative“ und kassierten so eine knappe Mehrheit bei den Mitgliedern ein. Allen voran der kleine Kevin und seine Jusos machten kräftig Propaganda für das Duo. Und nach dem „Sieg“: Es wird relativiert, von einem Ausstieg keine Rede mehr.

Und da auch Kevin den nächsten Schritt auf der Karriereleiter als stellv. Vorsitzender erklimmen möchte, rotiert er mit. Und so hat Kevin auch einen richtigen Gattungsnamen: Jynx torquilla (=Wendehals). Wie die anderen Juso-Vorsitzenden vergangener Zeiten auch: erst sich mit Klamauk einen Bekanntheitsgrad erwerben, dann als „politisches Talent“ bezeichnet werden, letztlich sich mit Ämtern und Pöstchen die Taschen füllen. Halte jede Wette, dass wir ihn nach der nächsten BTW als gut situierten Bundestagsabgeordneten wiedersehen werden. Nun ja – was soll man als strammer „Linker“ ohne irgendeinen Beruf- oder Studienabschluss auch anderes machen als über die Partei irgendwo unterkommen.

Denn nachdem der „Sieg“ feststand, was hörte man da: Kevin warnte vor einem raschen GroKo-Aus. “Wer eine Koalition verlässt, gibt einen Teil der Kontrolle aus der Hand.“ Er möchte, dass Entscheidungen vom Ende her durchdacht werden sollen. Und schreibt da bei Angela M. ab, die Entscheidungen ja auch vom Ende her denkt. Was übrigens eine Binsenweisheit ist.

Andererseits sind diese Wendungen wichtig. Sie sind Beleg dafür, dass man der SPD immer noch kein bisschen über den Weg trauen darf. SPD-Reden und Ansichten von gestern sind die Füllung der Papierkörbe von heute. Und das, bei den nächsten Wahlen nicht vergessen. Es gibt eine Alternative.

 

(Anm. d. R.: Autor der Redaktion bekannt)